Im Dezember 2025 hat eine internationale Expertengruppe in Dänemark empfohlen, den Grenzwert für Nitrat im Trinkwasser von 50 auf 6 mg/l zu senken(4). Nicht wegen der Babys, für die es schon lange ähnlich strenge Empfehlungen gibt, sondern wegen Darmkrebs. Ausgangspunkt war eine dänische Langzeitstudie mit 1,74 Millionen Menschen, die schon ab 3,87 mg/l einen messbaren Zusammenhang zwischen Nitrat im Trinkwasser und Darmkrebs gefunden hat(3).
In Deutschland wird darüber bisher kaum geredet. Das ist erstaunlich, denn hier ist die Belastung deutlich höher als in Dänemark. Wir haben deshalb die dänische Rechenmethode auf Deutschland übertragen, mit den Nitratwerten aus unserer eigenen Datenbank. Das Ergebnis haben wir im Oktober 2026 als englischsprachiges Arbeitspapier veröffentlicht(2). Eine leicht verständliche deutsche Fassung mit allen Rechenschritten finden Sie auf unserer Studienseite(1). Hier die Kurzfassung.
Die wichtigsten Zahlen
Nach unserer Rechnung hängen in Deutschland jedes Jahr rund 3.060 Darmkrebsfälle mit Nitrat im Trinkwasser zusammen. Das sind 6,4 % aller Darmkrebsfälle in der von uns betrachteten Bevölkerung(1).
Grundlage für das Risiko ist eine europäische Auswertung aus dem Forschungsprojekt MARCHES, die elf Einzelstudien neu geprüft und dabei einige Übertragungsfehler in früheren Übersichtsarbeiten korrigiert hat. Ergebnis: Je 10 mg/l mehr Nitrat steigt das Darmkrebsrisiko um etwa 6 %(5). Das klingt nach wenig, aber in Deutschland trinkt fast jeder Zweite Wasser mit mehr als 10 mg/l.
Den Schaden für die Gesellschaft, also Behandlungskosten, Arbeitsausfall und verlorene Lebensjahre, beziffern wir auf 908 Millionen bis 3,3 Milliarden Euro pro Jahr. Die große Spanne kommt daher, wie hoch man ein verlorenes Lebensjahr bewertet: mit dem EU-Standardwert von 40.000 Euro oder mit einem Wert aus deutschen Befragungen von rund 174.000 Euro(1).
Politisch interessanter ist die Frage, wie viele Fälle sich mit einem niedrigeren Grenzwert vermeiden ließen:
|
Zielwert |
Betroffene Menschen |
Vermeidbare Fälle pro Jahr |
Vermiedener Schaden pro Jahr |
|---|---|---|---|
|
6 mg/l |
45,9 Mio. |
1.821 |
540 Mio. bis 1,96 Mrd. € |
|
10 mg/l |
34,2 Mio. |
1.248 |
370 Mio. bis 1,35 Mrd. € |
|
25 mg/l |
4,7 Mio. |
147 |
44 bis 158 Mio. € |
Spanne beim Schaden: Bewertung eines Lebensjahres mit 40.000 € (EU-Standardwert) bzw. 173.868 € (Wert aus deutschen Befragungen). Quelle: Wassertipps-Studie (1)
Der Unterschied zwischen der letzten Zeile und den beiden anderen ist der eigentliche Kern der Studie: Wer nur die Hotspots angeht, also die Gebiete mit sehr hohen Werten, erreicht fast nichts. Denn über 25 mg/l liegen gerade mal 4,2 % der Menschen, über 10 mg/l aber 45,8 %(1). Knapp zwei Drittel der nitratbedingten Fälle stammen aus dem Bereich zwischen 10 und 25 mg/l, also aus Wasser, das nach heutiger Rechtslage völlig unauffällig ist.
Warum Deutschland stärker betroffen ist als Dänemark
In Dänemark haben weniger als 10 % der Menschen mehr als 10 mg/l Nitrat im Leitungswasser, bei uns sind es 45,8 %. Entsprechend größer ist der Anteil der Darmkrebsfälle, der auf Nitrat zurückgehen dürfte.
Am deutlichsten wird das bei gleicher Fragestellung: Wie viele Fälle ließen sich vermeiden, wenn überall höchstens 9,25 mg/l im Wasser wären? Das ist der Vergleichswert der dänischen Kostenstudie. In Dänemark wären es 72 Fälle pro Jahr, in Deutschland 1.344, also etwa das Neunzehnfache(1). Bei gut zwölfmal so vielen Einwohnern.
Dänemark hat aus seinen Zahlen Konsequenzen gezogen: erst die Langzeitstudie, dann die Kostenrechnung, dann die Expertengruppe und jetzt die Empfehlung für einen neuen Grenzwert. In Deutschland fehlt schon der erste Schritt.
Vorbeugen oder reparieren?
Den Gesundheitskosten haben wir gegenübergestellt, was es kosten würde, die Nitratbelastung zu senken. Dafür gibt es grundsätzlich zwei Wege.
Vorbeugen in der Landwirtschaft. Gern zitiert werden dafür 112 Millionen Euro pro Jahr, die Kosten der Düngeverordnung von 2017. Diese Zahl greift aber zu kurz, weil sie die Ernteverluste durch weniger Dünger nicht enthält. Für die Düngeverordnung 2020 hat das Landwirtschaftsministerium diese Verluste selbst auf 208 Millionen Euro pro Jahr beziffert, dazu kommen rund 84 Millionen Euro Aufwand(7). Realistisch sind also eher 292 Millionen Euro pro Jahr.
Reparieren im Wasserwerk. Wird das Nitrat erst nachträglich technisch aus dem Wasser geholt, veranschlagt das Umweltbundesamt 580 bis 767 Millionen Euro pro Jahr(6). Bezahlen würden das die Wasserkunden: In betroffenen Regionen stünde der Wasserpreis um 55 bis 76 Cent je Kubikmeter höher, für eine vierköpfige Familie bis zu 134 Euro im Jahr.
Das Ergebnis ist eindeutig: Jeder Euro, der in Vorbeugung fließt, bringt je nach Annahme das 3- bis 29-Fache an vermiedenem Schaden zurück. Bei der technischen Aufbereitung ist es nur das 1,2- bis 5,7-Fache(1). Rechnet man nur mit den Fällen, die bei einem Zielwert von 6 mg/l tatsächlich vermeidbar wären, liegt die Vorbeugung immer noch beim 1,8- bis 17,6-Fachen. Bei einem Zielwert von 25 mg/l lohnt sie sich dagegen kaum noch, wieder ein Hinweis darauf, dass eine Politik nur für die Hotspots zu kurz greift.
Ganz ohne Wasserwerk wird es trotzdem nicht gehen. In gut durchlüfteten Kies- und Sandböden wird Nitrat kaum abgebaut und kommt fast ungebremst im Grundwasser an. Dort ist Aufbereitung keine Alternative zur Vorbeugung, sondern eine notwendige Ergänzung. Ein Beispiel ist Aschaffenburg, wo seit dem Jahr 2000 eine biologische Anlage den Nitratgehalt von rund 52 auf etwa 25 mg/l senkt(1). Genug für den heutigen Grenzwert, aber weit weg von 6 oder 10 mg/l.
Und dann ist da noch ein unangenehmes Detail: Der größte Kostenposten der Vorbeugung, die um 20 % gekürzte Düngung in den roten Gebieten, steht derzeit weitgehend nur auf dem Papier. Das Bundesverwaltungsgericht hat im Oktober 2025 die bayerische Ausweisung der roten Gebiete für unwirksam erklärt. Seitdem haben mehrere Bundesländer ihre roten Gebiete aufgehoben, die übrigen kontrollieren und sanktionieren die zusätzlichen Auflagen dort vorerst nicht mehr(8). Eine neue, rechtssichere Regelung steht aus.
Was die Zahlen können und was nicht
Unsere Zahlen sind keine amtliche Bilanz, sondern eine Abschätzung der Größenordnung. Die größte Schwäche: Wir übertragen ausländische Forschungsergebnisse auf Deutschland, weil es eine vergleichbare deutsche Studie schlicht nicht gibt. Ob die Zusammenhänge hier genauso gelten, lässt sich deshalb nicht überprüfen.
Andererseits spricht einiges dafür, dass wir eher zu vorsichtig gerechnet haben. Darmkrebs entwickelt sich über 10 bis 25 Jahre, unsere Wasserdaten sind aber eine Momentaufnahme aus den Jahren 2024 bis 2026. Kleine Wasserversorger auf dem Land, wo die Belastung oft am höchsten ist, fehlen in unseren Daten häufiger. Und Darmkrebs ist nur die eine Krankheit, für die die Forschungslage gut genug zum Rechnen ist. Für Magenkrebs, Frühgeburten oder Fehlbildungen gibt es Hinweise, die in unserer Rechnung gar nicht vorkommen(1).
Deshalb ist unsere wichtigste Forderung auch keine Zahl, sondern eine Studie: Deutschland braucht eine Untersuchung nach dänischem Vorbild, die für viele Menschen die Nitratbelastung über ihr Leben hinweg mit den Daten der Krebsregister verknüpft. Die Bausteine dafür gibt es alle: Krebsregister, ein dichtes Netz an Trinkwasseranalysen und, wie unsere Arbeit zeigt, die Möglichkeit, beides räumlich zusammenzubringen. Mit 32,5 Millionen Menschen über 10 mg/l könnte eine deutsche Studie genau die Lücke schließen, die in der internationalen Forschung bei höheren Nitratwerten besteht.
Bis dahin bleibt richtig, was die Rechnung zeigt: Selbst bei vorsichtigster Rechnung ist der vermiedene Gesundheitsschaden größer als die Kosten der Vorsorge. Der Grundwasserschutz gehört gestärkt, nicht geschwächt.
Alle Rechenschritte, Quellen und Einschränkungen finden Sie auf unserer Studienseite(1). Die Nitratwerte je Postleitzahlgebiet, mit denen wir gerechnet haben, stehen dort auch zum Download bereit. Und wie hoch der Nitratwert bei Ihnen zu Hause ist, können Sie jederzeit auf wassertipps.de nachschauen.
Quellen
- Nitrat im Trinkwasser: Was hat das mit Darmkrebs zu tun? (Wassertipps, vereinfachte Fassung, Oktober 2026)
- Krisch, T. (2026): Nitrate in Drinking Water and Colorectal Cancer in Germany: A Population Attributable Fraction Analysis with Health-Economic Valuation (SSRN)
- Schullehner u.a. (2018): Nitrate in drinking water and colorectal cancer risk: A nationwide population-based cohort study (International Journal of Cancer)
- Evaluation of the parametric value for nitrate in drinking water (dänisches Umweltministerium, Dezember 2025)
- MARCHES Deliverable D2.2: Exposure-response functions for drinking water nitrate (CORDIS)
- Quantifizierung der landwirtschaftlich verursachten Kosten zur Sicherung der Trinkwasserbereitstellung(Umweltbundesamt, Texte 43/2017)
- Bundesrat-Drucksache 98/20: Verordnung zur Änderung der Düngeverordnung
- Kehren die roten Gebiete mit scharfen Auflagen zurück? (top agrar)


