Nitratbericht 2024
Alle vier Jahre muss die Bundesregierung der EU-Kommission berichten, wie es um das Nitrat in unseren Gewässern steht. Im Juli 2024 ist der inzwischen achte Nitratbericht erschienen(1). Wer unseren Artikel zum Nitratbericht 2020 gelesen hat(2), wird sich über einen Satz gleich am Anfang nicht mehr wundern: Ausgewertet wurden wieder nur drei der vier Jahre, nämlich 2020 bis 2022, weil die Messergebnisse für 2023 zum Abgabetermin Ende Juni 2024 nicht vollständig vorlagen.
Diesmal hat das immerhin keine unangenehmen Folgen mehr. Zur Erinnerung: Der Europäische Gerichtshof hatte Deutschland 2018 wegen unzureichender Maßnahmen gegen die Nitratbelastung verurteilt, danach drohte ein Zwangsgeld. Nachdem die Düngeverordnung 2020 verschärft und die nitratbelasteten, sogenannten roten Gebiete neu ausgewiesen wurden, hat die EU-Kommission das Verfahren im Juni 2023 eingestellt(3). Diese roten Gebiete umfassen inzwischen 54.109 km², das sind 15 % der Fläche Deutschlands (Stand November 2023)(1).
Aber hat sich auch im Grundwasser etwas getan?
EU-Nitratmessnetz
Das EU-Nitratmessnetz enthält nur Messstellen, in deren Einzugsgebiet die Landwirtschaft dominiert, also Acker, Grünland oder Sonderkulturen. Für den aktuellen Zeitraum lagen Daten von 679 Messstellen vor, im vorigen waren es noch 692. Damit die Zeiträume vergleichbar sind, hat das Umweltbundesamt die 621 Messstellen herangezogen, für die in allen drei Berichtszeiträumen Werte vorliegen(1).
| Mittlerer Nitratgehalt | 2012–2015 | 2016–2019 | 2020–2022 |
|---|---|---|---|
| bis 25 mg/l | 48,0 % | 49,0 % | 51,2 % |
| über 25 bis 40 mg/l | 15,5 % | 14,7 % | 15,3 % |
| über 40 bis 50 mg/l | 8,2 % | 9,8 % | 7,9 % |
| über 50 mg/l | 28,3 % | 26,6 % | 25,6 % |
621 Messstellen des EU-Nitratmessnetzes, für die in allen drei Berichtszeiträumen Werte vorliegen. Quelle: Nitratbericht 2024 (1)
Der Anteil der Messstellen über dem Grenzwert von 50 mg/l ist also um einen Prozentpunkt auf 25,6 % gesunken. Immer noch jede vierte Messstelle. Kleine Randnotiz: Im Nitratbericht 2020 standen für den damaligen Zeitraum noch 26,7 %, mit den nachgelieferten Daten für 2019 sind es nachträglich 26,6 %.
Interessanter ist, was der Durchschnitt verschweigt: Die Messstellen über dem Grenzwert liegen im Mittel bei 98,0 mg/l. Im vorigen Zeitraum waren es 96,2 mg/l(1). Es sind also etwas weniger Messstellen über 50 mg/l, aber die, die es sind, sind praktisch genauso stark belastet wie vorher, nämlich fast beim Doppelten des Grenzwertes.
Gemischt ist der Blick auf die einzelnen Messstellen: Bei 34,4 % ist der Nitratgehalt gegenüber 2016–2019 gesunken, bei 23,0 % aber gestiegen(1). Bei fast jeder vierten Messstelle geht es also weiterhin in die falsche Richtung.
Neu: das AVV-Ausweisungsmessnetz
In den früheren Berichten gab es neben dem EU-Nitratmessnetz das EUA-Messnetz, das eher die Gesamtsituation des Grundwassers in Deutschland abbilden sollte. Im aktuellen Bericht wird stattdessen ein Teil des sogenannten AVV-Ausweisungsmessnetzes ausgewertet. Das ist das Messnetz, nach dem die Bundesländer die roten Gebiete ausweisen. Es enthält auch Messstellen, die kaum landwirtschaftlich beeinflusst sind und in deren Einzugsgebiet vor allem Siedlungen oder Wald liegen. Ausgewertet wurden 8.225 Messstellen für 2020–2022(1).
In diesem breiteren Messnetz liegen 66,2 % der Messstellen bei höchstens 25 mg/l, 13,5 % zwischen 25 und 40 mg/l, 5,4 % zwischen 40 und 50 mg/l und 15,0 % über dem Grenzwert(1).
Die eigentlich spannende Zahl kommt aber erst, wenn man die Messstellen nach der Nutzung ihres Einzugsgebietes aufteilt: Bei Messstellen mit überwiegend landwirtschaftlichem Einfluss überschreiten 21,2 % den Grenzwert, bei Messstellen unter Siedlungen oder Wald sind es 7,1 %. Also fast dreimal so viele. Wer noch Zweifel hatte, woher das Nitrat im Grundwasser kommt, findet sie hier ziemlich deutlich ausgeräumt, und zwar in einem Bericht der Bundesregierung.
Das EUA-Messnetz gibt es übrigens weiterhin, nur eben nicht mehr im Nitratbericht. Laut Umweltbundesamt lagen dort im Jahr 2024 15,7 % der 1.147 untersuchten Messstellen über 50 mg/l(4). Seit 2008 schwankt dieser Anteil zwischen 15 und 19 %, eine echte Trendwende ist da noch nicht zu erkennen(5).
Landwirtschaft und Düngerecht
Auf der landwirtschaftlichen Seite hat sich deutlich mehr bewegt als im Grundwasser. Die Rinder- und Schweinebestände gehen seit etwa 2015 spürbar zurück. Der Absatz von stickstoffhaltigem Mineraldünger ist vom Wirtschaftsjahr 2014/15 bis 2022/23 um fast 48 kg Stickstoff pro Hektar gesunken, das sind 44 %(1). Der Bericht führt das zu einem guten Teil auf die verschärften Düngeregeln von 2017 und 2020 zurück.
Auch der Stickstoffüberschuss der Landwirtschaft, also der Stickstoff, der nicht von den Pflanzen aufgenommen wird und im Zweifel im Boden und im Grundwasser landet, ist deutlich gesunken: im Fünfjahresmittel von 117 auf 70 kg pro Hektar und Jahr(6). Das Ziel von 70 kg wurde 2023 zum ersten Mal erreicht.
Warum kommt davon im Grundwasser so wenig an? Der Bericht sagt es selbst: Wegen der teils langen Fließzeiten im Untergrund wird sich die Wirkung der Maßnahmen erst über lange Zeiträume zeigen(1). Was heute auf den Acker kommt, misst man im Grundwasser oft erst Jahre später.
Umso erstaunlicher ist, was politisch gerade passiert. Die Stoffstrombilanz, mit der Betriebe nachweisen mussten, wie viel Stickstoff sie zuführen und wieder abgeben, wurde im Juli 2025 per Verordnung abgeschafft(7). Der Entwurf für das neue Düngegesetz, den das Kabinett am 29. April 2026 beschlossen hat, streicht auch ihre gesetzliche Grundlage und setzt stattdessen auf ein Wirkungsmonitoring aus vorhandenen Daten(7). Die Wasserversorger fordern Nachbesserungen. Im Bundestag war der Entwurf im Juni in erster Lesung, im September gab es eine Anhörung, verabschiedet ist er noch nicht (Stand Anfang November 2026)(8).
Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass man in künftigen Nitratberichten genau hinschauen sollte, ob ohne einzelbetriebliche Bilanz die Fortschritte der letzten Jahre bestehen bleiben.
Zusammenfassung
Der Nitratbericht 2024 zeigt eine leichte Verbesserung, mehr nicht. Ein Viertel der landwirtschaftlich geprägten Messstellen liegt weiterhin über dem Grenzwert, und zwar im Mittel fast beim Doppelten. Bei fast jeder vierten Messstelle steigt der Nitratgehalt sogar noch. Auf der anderen Seite sinken Düngereinsatz, Viehbestände und Stickstoffüberschuss deutlich, und das wird mit einiger Verzögerung hoffentlich auch im Grundwasser ankommen.
Und wie schon 2020 fehlt im Bericht das letzte Jahr des Berichtszeitraums. Man könnte meinen, nach der Erfahrung beim letzten Mal hätte man das diesmal in den Griff bekommen.
Wer wissen möchte, wie es an den Messstellen in seiner Nähe aussieht: Auf unserer Nitratdatenbank haben wir die Messwerte der Jahre 2006 bis 2022 inzwischen auf einer Karte eingetragen(10). Mit dem Schieberegler wählen Sie das Jahr, und ein Klick auf eine Messstelle zeigt die Entwicklung über den gesamten Zeitraum.
Der österreichische Nitratbericht 2024
Wie schon beim letzten Mal ist ein direkter Vergleich mit den deutschen Werten nicht möglich, weil Österreich andere Messnetze verwendet. Deshalb auch hier nur der Vergleich mit dem vorigen Bericht(9).
Zunächst eine Kleinigkeit, die uns aufgefallen ist: Der österreichische Bericht deckt den vollständigen Zeitraum von Juli 2019 bis Juni 2023 ab. Es geht also doch.
Ausgewertet wurden 1.890 Messstellen, davon 1.418 im freien Grundwasser, 133 im gespannten Grundwasser und 339 im Karst- und Kluftgrundwasser. Für den Vergleich über drei Berichtszeiträume standen 1.816 Messstellen zur Verfügung. Der Anteil der Messstellen über 50 mg/l sank dort von 8,1 % (2011–2015) über 7,2 % auf 6,8 %, der Anteil unter 25 mg/l stieg von 75,3 % über 76,7 % auf 77,4 %(9).
Bei 31,3 % der Messstellen ist der Nitratgehalt gegenüber dem vorigen Zeitraum gesunken, bei 17,3 % gestiegen, bei gut der Hälfte ist er praktisch unverändert. Am stärksten belastet ist das freie Grundwasser in 5 bis 15 Metern Tiefe mit 10,9 % der Messstellen über 50 mg/l. Von den 131 Grundwasserkörpern liegen 111 im Mittel unter 25 mg/l(9).
Die österreichischen Grundwasserwerte liegen damit weiterhin auf einem tendenziell niedrigeren Niveau als in Deutschland, und auch dort geht es langsam, aber stetig in die richtige Richtung.
Quellen
- Nitratbericht 2024 der Bundesregierung (Umweltbundesamt, PDF)
- Wassertipps Blog: Nitratbericht 2020
- Nitratrichtlinie: Kommission schließt Verfahren gegen Deutschland (EU-Kommission, 1. Juni 2023)
- Nähr- und Schadstoffe im Grundwasser (Umweltbundesamt)
- Indikator: Nitrat im Grundwasser (Umweltbundesamt)
- Indikator: Stickstoffüberschuss der Landwirtschaft (Umweltbundesamt)
- Kabinett beschließt neues Düngegesetz, Wasserbranche fordert Nachbesserung (ZfK, 29. April 2026)
- Novelle des Düngegesetzes in erster Lesung beraten (Deutscher Bundestag)
- Nitratbericht 2024 der österreichischen Bundesregierung (BMLUK)
- Karte Grundwassermessstellen 2006–2022 (Nitratdatenbank)